Die Unsitte mit den Unworten

Da hat sich einmal wieder die Jury, die der oberste Wächter über gute und schlechte Wörter ist, Gedanken gemacht und… mir war das schon lange klar… „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres 2015 „gekürt“. Damit ist dieses Wort in sehr vielen Bereichen quasi „geächtet“ und selbst Unbedarfte scheuen sich nun, es zu verwenden, egal, was sie damit meinen und egal, in welchem Kontext sie es verwenden wollen. Sie beschleicht unbewusst, das unangenehme Gefühl, ein Tabu zu brechen und durch die Verwendung eines „schlechten“ Wortes, als „schlechter Mensch“ angesehen zu werden.

Die alljährliche Wahl des „Unwortes“ ist mir sowas von zuwider. Angeblich soll es sich dabei um Wörter handeln, die „gegen das Prinzip der Menschenwürde“ und „Prinzipien der Demokratie“ verstoßen, weil sie „einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren“ oder „euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend“ sind.

Das erkläre mir bitte jemand… z. B. anhand der (in den letzten Jahren „gewählten“) Unworte alternativlos, Lügenpresse, Gutmenschen. Während vor einigen Jahren oftmals noch Wörter bzw. Wortgruppen gewählt wurden, die in speziellen Einzelfällen (und quasi nur dort und nicht im allgemeinen Sprachgebrauch) wirklich im schlechten Kontext verwendet wurden, beschleicht mich das Gefühl, dass diese Institution in jüngster Vergangenheit dazu benutzt wird, das Aussprechen bestimmter Gedanken (die nur noch im Kopf frei sind) zu erschweren, indem man bestimmte Begriffe als „Unworte“ labelt und damit eine Scheu provoziert, dieser zu benutzen. Hier wird die Sprache als Machtinstrument missbraucht.

Wenn Politiker „alternativlos“ verwenden, um ihre Vorstellungen bzw. das Durchsetzen ihrer Ideen ohne Möglichkeit einer Diskussion durchzusetzen, dann ist das durchaus negativ und dieser spezielle Fall sollte angeprangert werden. Das Wort an sich wird dadurch doch aber kein „schlechtes“ Wort und kann in vielen anderen Situationen durchaus berechtigt verwendet werden. Durch diese obskure „Wahl“ hingegen wird es aber pauschal negativ belegt und sehr viele Menschen versuchen, es zu verhindern. Die Freiheit der Sprache wird so indirekt eingeschränkt.

Wenn ich z. B. anhand eines nachweislich erlogenen Berichts eines bestimmten Mediums (Beispiele möchte ich jetzt nicht anführen, es gab im vergangenen Jahr mehr als genug Fälle, die den meisten bekannt sein dürften) ein solches als „Lügenpresse“ bezeichne, dann ist das ein Ausdruck meiner persönlichen Meinung (die ich ggf. durch Beweise belegen kann), macht mich aber noch lange nicht zum Nazi, nur weil das Wort in dieser Zeit, auf die die deutsche Geschichte gerne reduziert wird, gerne und mit schlechten Absichten verwendet wurde. Hey… ich habe zu dieser Zeit noch nicht gelebt und ich habe mit Nazis aber sowas von nix am Hut. Ich verwende das Wort, weil es Bestandteil der deutschen Sprache ist und meine Gedanken zu einem bestimmten Sachverhalt kurz, knapp und treffend zum Ausdruck bringt. Ich trage, wenn ich es verwende, noch lange kein braunes Hemd. Wer mir dies unterstellen will, der – so vermute ich – will davon ablenken, dass die Verwendung wohl ein „Treffer“ war.

Nun… jetzt werden also viele vermeiden, das Wort Gutmensch zu verwenden. Schließlich würde damit ja die Hilfsbereitschaft vieler Menschen diffamiert. Nun, ich werde es verwenden, wenn ich solche Menschen beschreiben will, die ihre (echte?) Hilfsbereitschaft instrumentalisieren, in der Öffentlichkeit als Kopfschmuck tragen und mich auch noch mit dem moralischen Zeigefinger anprangern, weil ich ihrem Beispiel nicht folge, sondern entweder andere Ansichten oder (wie in meinem Fall) einfach andere Prioritäten habe (ja, auch ich engagiere mich in einigen Bereichen, ich gehe damit aber nicht hausieren und klage auch niemanden an, der dies nicht tut… ich versuche auch nicht, andere von meiner Sicht in diesem Bereich ums Verrecken zu überzeugen).

Ich lasse mir die Verwendung meiner Muttersprache nicht von irgendwelchen „Institutionen“ zurechtbiegen, um zu versuchen, mir den Ausdruck bestimmter Gedankengänge, die einigen nicht in den Kram passen, zu erschweren.

Wirklich schlechte Gedanken kann man nicht durch die Ächtung bestimmter Wörter aus den Köpfen bringen. Das ist nur die Unterdrückung von Symptomen. Liebe „Sprachwissenschaftler“… kümmert Euch lieber um den Kern Eures Aufgabengebietes und überlasst es den wirklich Verantwortlichen, an den Ursachen(!) zu arbeiten.

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